Die
Mehlschwalbe ist Vogel des Jahres 2027
Sympathische
Sommerbotin unter Druck
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| © Mathias Schäf |
Mit
der Mehlschwalbe rückt ein Vogel in den Fokus, dessen Lebensraum eng mit dem
des Menschen verknüpft ist. Doch fehlende Nistplätze und der Insekten-rückgang
setzen der sympathischen Sommerbotin zunehmend zu. Dabei helfen schon kleine
Veränderungen, ihre Lebensbedingungen zu verbessern.
Mit
der Mehlschwalbe rückt ein Vogel in den Mittelpunkt, der wie kaum ein anderer
für das Zusammenspiel von Natur und menschlichem Lebensraum steht. Denn die
Mehlschwalbe braucht beides: Gebäude, an denen sie ihre Nester befestigen
kann, und eine Landschaft, in der sie genügend Insekten findet. Wo Häuser
saniert und Fassaden versiegelt werden und Lehmpfützen verschwinden, gibt
es immer weniger Möglichkeiten für den Nestbau. Zugleichen schwirren immer
weniger Insekten durch die Landschaft. Eine schwierige Situation für den Vogel
des Jahres 2027, der bereits als gefährdet gilt. Dabei können wir helfen. Oft
sind es erstaunlich einfache Maßnahmen, die darüber entscheiden, ob eine
Mehlschwalbenkolonie erhalten bleibt.
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| © Mathias Schäf |
Schwarz-weißer
Pfeil am Himmel
Wer
eine Mehlschwalbe einmal erkannt hat, verwechselt sie kaum noch mit einer
anderen Schwalbe. Ihr auffälligstes Merkmal trägt sie auf dem Rücken: der leuchtend
weiße Bürzel, also die Stelle zwischen Rücken und Schwanz. Auch ihre Unterseite
ist strahlend weiß, während Rücken, Flügel und Kopf metallisch
blauschwarz glänzen. Im Flug wirkt sie dadurch wie ein kleiner,
weiß-schwarzer Pfeil. Mit einer Körperlänge von etwa 13 bis 15 Zentimetern
ist die Mehlschwalbe kleiner als eine Amsel. Ihr Schwanz ist deutlich gegabelt,
allerdings fehlen ihr die langen Schwanzspieße der Rauchschwalbe.
Auch
ihr Flug unterscheidet sich: Mehlschwalben sind wendige Flieger, deren Flug längere Gleitstrecken enthält und
flatternder ist als bei der Rauchschwalbe.
Oft sind sie in Gruppen unterwegs und fast ständig auf der
Suche nach Nahrung. Fliegen, Mücken, Blattläuse und andere kleine
Fluginsekten fangen sie direkt aus der Luft. Besonders gern jagen sie über
Gewässern und insektenreichen Wiesen und Landschaften.
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| © Mathias Schäf |
Ein Nest aus Lehm
Für
den Nestbau ist die Mehlschwalbe auf einen besonderen Baustoff angewiesen:
Lehm. Aus kleinen Lehm- und Schlammkügelchen formt die Mehlschwalbe ihr
Nest. Dafür sammelt sie feuchtes Baumaterial an Pfützen, schlammigen Ufern oder
anderen offenen und feuchten Bodenstellen. Mit ihrem Speichel verklebt sie die
kleinen Portionen zu einem stabilen Nest. Bis zu 1.500 Lehmkügelchen
können in einem einzigen Nest stecken.
Das
Ergebnis ist ein kleines architektonisches Meisterwerk: Das Nest ist fast
vollständig geschlossen und besitzt nur eine kleine Öffnung als Eingang.
Anders als die Rauchschwalbe brütet die Mehlschwalbe nicht im Inneren von
Ställen oder Scheunen, sondern außen an Gebäuden. Besonders beliebt sind
geschützte Stellen unter Dachvorsprüngen und an anderen Überständen.
Und die Mehlschwalbe baut am liebsten nicht allein. Sie ist ein ausgesprochener
Koloniebrüter. Wo die Bedingungen stimmen, können viele Nester dicht
nebeneinander entstehen. Solche Kolonien können über Jahre oder sogar
Jahrzehnte bestehen. Vorhandene Nester werden häufig ausgebessert und erneut
genutzt. Deshalb kann eine unscheinbare Hausfassade für Mehlschwalben einen
enormen Wert haben.
Am
liebsten in Gesellschaft
Mehlschwalben
sind gesellige Vögel. Wenn sie im Frühjahr zurückkehren, bevölkern sie
den Himmel über Dörfern und Städten oft in großer Zahl. Ihr Zwitschern ist eher
leise plaudernd, weniger melodisch als das der Rauchschwalbe und ohne den
typischen Triller am Ende. Dazu kommen die typischen Rufe, die während des
Fluges zu hören sind.
Besonders
auffällig wird das Treiben an den Brutkolonien. Die Vögel fliegen ein
und aus, sammeln Baumaterial, bringen Nahrung und suchen immer wieder die Nähe
ihrer Artgenossen.
Wer im Sommer unter einer Mehlschwalbenkolonie steht, sollte allerdings nicht
allzu sehr auf einen sauberen Boden bedacht sein: Unter den Nestern sammeln
sich Kot und Nestreste. Für Menschen mag das manchmal lästig sein. Für die
Schwalben sind die Hinterlassenschaften ein Zeichen dafür, dass hier
erfolgreich gebrütet wird.
Tipp:
Ein einfaches Brett in ausreichendem Abstand
unterhalb der Nester kann das Problem lösen und verhindert, dass Kot direkt auf
Fensterbänke, Türen oder Wege fällt. So lässt sich das Zusammenleben von Mensch
und Schwalbe unkompliziert gestalten.
Eine
Sommerbotin auf großer Reise
Mehlschwalben
sind Langstreckenzieher. Wenn bei uns der Herbst Einzug hält und das
Angebot an Fluginsekten deutlich zurückgeht, machen sie sich auf den Weg nach
Afrika. Dort verbringen sie die nahrungsarme Zeit des europäischen Winters.
Ende September und Anfang Oktober verlassen die letzten Mehlschwalben in der
Regel ihre Brutgebiete. Im Frühjahr kehren sie zurück. Die ersten Tiere bereits
im März, die meisten folgen im April. Damit beginnt jedes Jahr ein
erstaunliches Schauspiel von Neuem: Nach Tausenden Kilometern erreichen die
Schwalben ihre Brutgebiete und machen sich an die Arbeit. Alte Nester werden
repariert, neue gebaut, Partner gefunden und Nachwuchs großgezogen.
Die weite Reise zeigt auch, dass Vogelschutz nicht an Landesgrenzen endet. Was
einer Mehlschwalbe zugutekommt, muss sich nicht nur in Deutschland entscheiden.
Denn Zugvögel sind auf funktionierende Lebensräume entlang ihrer
Wanderwege und in ihren Überwinterungsgebieten angewiesen.
Warum
die Bestände der Mehlschwalben zurückgehen
Die
Mehlschwalbe ist ein Kulturfolger. Ihre ursprünglichen Vorfahren waren
Felsenbrüter. Heute nutzt sie Gebäude als künstliche Felswände und
hat sich damit den Lebensraum des Menschen erschlossen. Doch genau dieser
Lebensraum verändert sich: Glatte Fassaden bieten kaum Halt für ein Lehmnest,
fehlende Dachüberstände und moderne Bauweisen lassen immer weniger geeignete
Nistplätze entstehen. Bei energetischen Sanierungen können Brutplätze
verloren gehen, wenn vorhandene Nester oder geeignete Fassadenstrukturen nicht
berücksichtigt werden.
Noch
problematischer wird es, wenn bereits besetzte Nester entfernt oder die Tiere
durch Netze und andere Vergrämungsmaßnahmen ferngehalten werden. Das ist nicht
nur für die Vögel folgenschwer, sondern in Deutschland auch rechtlich nicht
erlaubt: Mehlschwalben und ihre Fortpflanzungsstätten stehen ganzjährig
unter besonderem Schutz.
Dabei lässt sich ein Nestproblem meist viel einfacher lösen, als viele Menschen
denken. Ein Kotbrett unter dem Nest hält die Fassade sauber. Kunstnester können zusätzliche Brutplätze schaffen. Und wer eine Kolonie bei einer
Gebäudesanierung berücksichtigt, trägt dazu bei, dass die Vögel auch nach
Abschluss der Arbeiten zurückkehren können.
Doch
selbst das schönste Schwalbennest hilft wenig, wenn in der Umgebung das Futter
fehlt. Mehlschwalben ernähren sich fast ausschließlich von kleinen
Fluginsekten. Sie jagen über Wiesen, Feldern, Gewässern und anderen offenen
Flächen. Der Rückgang von Insekten trifft deshalb auch die Mehlschwalbe
direkt. Intensive Landwirtschaft, der Verlust von Feuchtlebensräumen und der
Einsatz von Insektiziden können das Nahrungsangebot verringern. Die
Mehlschwalbe macht damit sichtbar, was sonst oft verborgen bleibt: Wo weniger
Insekten leben, wird auch der Himmel leerer.
In
Deutschland wird ihr Bestand auf etwa 415.000 bis 770.000 Brutpaare
geschätzt. Gleichzeitig zeigt die aktuelle Bewertung einen starken
langfristigen Bestandsrückgang. Die Mehlschwalbe gilt deshalb als gefährdet
und steht auf der Roten Liste der Brutvögel Deutschlands.
Auf
gute Nachbarschaft!
Die
Mehlschwalbe zeigt, dass Naturschutz oft direkt vor der Haustür beginnt. Wo
ihre Nester erhalten bleiben, genügend Insekten leben und Baumaterial für den
Nestbau vorhanden ist, profitieren nicht nur Mehlschwalben, sondern viele
weitere Arten.
Als
Vogel des Jahres 2027 steht sie für die Natur in unseren Städten und Dörfern.
Ihre Botschaft ist einfach: Schon kleine Veränderungen können dazu beitragen,
dass Mensch und Natur auch in Zukunft gut zusammenleben. Denn die Mehlschwalbe
braucht keine unberührte Wildnis, sondern Platz in unserer gemeinsamen Umwelt:
Eine Hauswand unter dem Dachvorsprung. Eine Pfütze mit feuchtem Lehm. Eine
blütenreiche Wiese. Und Menschen, die bereit sind, etwas Platz zu machen.